Sonntagmorgen, sieben Uhr. Früher schlief man da. Heute steht man auf, weil der Körper sonst denken könnte, er sei nicht mehr wichtig. Fitness ist die neue Beichte, und das Gym ist der Dom unserer Zeit. Nur dass die Glasfenster durch Spiegel ersetzt wurden – damit wir uns beim Beten zusehen können.
„Ich war drei Wochen nicht im Gym.“
Der Satz fällt wie ein Geständnis. Kein Mensch hat Schaden genommen. Keine Ehe zerbrochen, kein Geld veruntreut. Nur ein Trainingsplan. Und doch klingt es, als müsse gleich jemand Abbitte leisten. Der Personal Trainer – T-Shirt mit dem Aufdruck No Excuses – nickt streng. Vergebung gibt es gegen Monatsbeitrag.
„Ich habe Zucker gegessen.“
Zucker. Das Wort wird inzwischen mit derselben Scham ausgesprochen wie früher „Rauchen in der Schwangerschaft“. Ein Stück Kuchen ist kein Genuss mehr, sondern Charakterfrage. Wer schwach wird, war offenbar nie stark. Der Apfelkuchen der Großmutter? Heute ein toxisches Erbe.
„Ich war im Urlaub – und habe nur leicht trainiert.“
Leicht. Als wäre Erholung eine Ordnungswidrigkeit. Als müsse man sich selbst überwachen, damit man nicht plötzlich zufrieden wird. Der Strand ist kein Ort der Muße mehr, sondern eine Outdoor-Filiale des Studios. Der Sonnenuntergang taugt höchstens als Kulisse für Burpees.
Leben??
Unsere Großeltern nannten das „Leben“. Sie arbeiteten körperlich, aßen deftig, tranken abends ein Bier und starben irgendwann. Ohne jemals ihre Makronährstoffe berechnet zu haben. Niemand maß ihren Bauchumfang in moralischen Kategorien. Niemand erklärte ihnen, sie seien nur eine „Beta-Version“ ihrer selbst.
Heute ist der Körper kein Zuhause mehr, sondern ein Investment. Man steckt Geld hinein, Zeit hinein, Selbstachtung hinein – und hofft auf Rendite in Form von Definition. Proteinpulver ersetzt Selbstvertrauen. Nahrungsergänzung ersetzt Gelassenheit. Der Spiegel ersetzt jede Form von Gespräch. In den Umkleiden hört man keine Geschichten mehr, nur Leistungsdaten. „Ich habe meinen Körperfettanteil gesenkt.“ „Ich bin komplett clean.“ Clean – als wäre der eigene Organismus ein Tatort gewesen, der dringend saniert werden musste. Man reinigt sich von Kohlenhydraten wie andere von Sünden. Das Bittere ist nicht, dass Menschen trainieren. Das Bittere ist, dass sie glauben, ihr Wert sei messbar. In Kilos. In Wiederholungen. In Schritten pro Tag. Wer heute versagt, versagt nicht vor Gott, sondern vor der App. Und die App ist unbarmherzig. Sie kennt keine Gnade, nur Diagramme.
Fitness??
Fitness verkauft uns die Idee, dass wir nur hart genug an uns arbeiten müssen, um unangreifbar zu werden. Gegen Alter, gegen Krankheit, gegen Zweifel, gegen Bedeutungslosigkeit. Als ließe sich Sterblichkeit wegtrainieren.
Und während wir uns disziplinieren, zählen, verzichten, optimieren, wird aus Fürsorge Kontrolle. Aus Bewegung Moral. Aus einem Spaziergang ein Leistungsnachweis.
Wenn jemand dann wagt zu sagen: „Ich habe heute einfach nichts getan“, ist das kein Ruhetag. Es ist Rebellion.
Vielleicht liegt die wahre Freiheit nicht im Sixpack.
Sondern im zweiten Stück Kuchen.