Die letzte verständliche Generation

Früher konnten Menschen in Deutschland noch Sätze schreiben.
Heute veranstalten sie sprachliche Evakuierungsübungen.

Niemand schreibt mehr:
„Der Bürgermeister hat Unsinn erzählt.“

Nein.
Heute heißt das:
„Seitens der kommunalen Verwaltung wurden im Rahmen einer dialogorientierten Bürgerkommunikation missverständliche Aussagen getroffen.“

Das ist kein Satz mehr.
Das ist ein Tatort ohne Täter.

Deutschland hat es geschafft, eine Sprache zu entwickeln, in der jeder alles sagen kann, ohne jemals etwas gemeint zu haben.

Und ausgerechnet jene Menschen, die permanent über „klare Kommunikation“ reden, schreiben inzwischen Texte, die klingen, als hätte ein Verwaltungsserver Angst vor einer Abmahnung bekommen.

Besonders schön sieht man das bei Akademikern. Dort gilt ein einfacher Satz inzwischen fast als intellektuelle Selbstentblößung.

Wer schreibt:

„Wir lagen falsch.“

wirkt gefährlich konkret.

Viel sicherer ist:

„Im Rahmen eines ergebnisoffenen Evaluationsprozesses ergaben sich abweichende Erkenntnisperspektiven.“

Niemand weiß, was das bedeutet.
Aber alle fühlen sich akademisch betreut.

Die deutsche Bildungsschicht verbringt inzwischen mehr Zeit mit sprachlicher Schadensvermeidung als mit Gedanken. Jeder Satz wird vorher moralisch desinfiziert, gegendert, weichgespült und mit drei Sicherheitsairbags versehen, bis am Ende nur noch grammatikalischer Haferschleim übrig bleibt.

Das Resultat kann man täglich beobachten:
Menschen mit Masterabschluss schreiben E-Mails, die klingen wie die Gebrauchsanweisung eines Wärmepumpenherstellers während einer Burnout-Phase.

Und dann das Gendern.

Nichts zeigt den Zustand deutscher Gegenwartssprache präziser als die Tatsache, dass inzwischen selbst Texte über Verständlichkeit aussehen, als hätten sie einen Verkehrsunfall mit einem Satzzeichencontainer gehabt.

  • Doppelpunkte.
  • Sternchen.
  • Binnen-I.
  • Schrägstriche.
  • Klammern.
  • Partizipialkonstruktionen.

Der deutsche Satz trägt heute mehr Zubehör als ein Outdoorwanderer in der Midlife-Crisis.

Natürlich darf jeder schreiben, wie er will. Darum geht es nicht. Komisch wird es erst, wenn Menschen gleichzeitig erklären, Sprache müsse einfacher werden — und dabei Formulierungen produzieren wie:

„adressatenorientierte Kommunikationsformen für diverse Zielgruppenidentitäten“.

Das ist ungefähr so, als würde ein Ernährungsberater beim Vortrag über Zuckerfreiheit Crème brûlée inhalieren.

Besonders tragisch:
Viele glauben inzwischen ernsthaft, Verständlichkeit sei primitiver als Kompliziertheit. Dabei ist das Gegenteil wahr. Einfach schreiben ist schwer. Sehr schwer. Man muss nämlich vorher denken.

Komplizierte Sprache dagegen ist oft nur die elegante Art, geistigen Nebel in Silben zu verwandeln.

Darum lieben Institutionen sie so sehr.

Behörden lieben sie, weil niemand verantwortlich klingt.
Unternehmen lieben sie, weil Entlassungen damit wie Yogaübungen wirken.
Universitäten lieben sie, weil man damit auch aus völliger Gedankenleere noch 28 Seiten machen kann.

Und der Deutsche insgesamt liebt sie, weil sie nach Bedeutung aussieht.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe unserer Zeit:
Noch nie wurde in Deutschland so viel über Kommunikation gesprochen.
Und noch nie klang Sprache dabei so sehr nach Betriebsanleitung für ein kaputtes Faxgerät.

Die letzte verständliche Generation sitzt wahrscheinlich irgendwo in einer Dorfkneipe, bestellt schlicht „ein Bier“ und wird demnächst von einem Kommunikationsberater darauf hingewiesen, dass Getränkepräferenzen heute diversitätssensibler formuliert werden müssten.