Berlin, früher Abend, irgendwo zwischen Reichstag und Spree. Auf dem Asphalt des politischen Betriebs liegt ein Punkt. Unsichtbar, aber hart umkämpft. Die Mitte.
Mathematisch ist die Sache einfach:
Eine Linie hat zwei Enden – und irgendwo dazwischen liegt ein Punkt. Genau einer. Still, eindeutig, unbestechlich.
Politisch hingegen ist dieser Punkt zu einer Art Jahrmarkt geworden.
Denn erstaunlicherweise wollen fast alle dorthin.
Die CDU beansprucht sie.
Die CSU selbstverständlich auch.
Die SPD sowieso – traditionell sogar.
Die Bündnis 90/Die Grünen haben sie ebenfalls entdeckt.
Und die FDP erklärt regelmäßig, sie sei dort eigentlich schon immer zu Hause gewesen.
Man könnte also meinen, die Mitte sei ein weitläufiger Landschaftspark.
In Wahrheit gleicht sie eher einer Kreuzung mit sechs Zufahrtsstraßen.
Aus allen Richtungen rollen Kolonnen politischer Fahrzeuge an. Große Parteibusse, ideologische Lieferwagen, einige eilig lackierte Elektro-SUVs der neuen Programmatik. Alle mit dem gleichen Navigationsziel: Mitte, bitte.
Das Ergebnis ist vorhersehbar.
Crash.
Blinker links, Lenkrad rechts, ein Programm hier, eine Kurskorrektur dort – und plötzlich stehen sie alle auf demselben Quadratmeter politischer Geografie. Stoßstange an Stoßstange.
Der Verkehrspolizist der Demokratie – nennen wir ihn den Wähler – steht daneben, pfeift und fragt sich:
Wenn alle in der Mitte sind … wer vertritt dann eigentlich noch eine Richtung - eine eigene Meinung?
Denn auch das ist eine mathematische Eigenheit der Mitte:
Sie existiert nur, wenn es Ränder gibt.
Ohne links und rechts, ohne oben und unten, ohne Positionen, Unterschiede und Widerspruch – verschwindet sie. Der Punkt löst sich auf. Die Linie wird zu einem grauen Fleck.
Vielleicht erklärt das ein merkwürdiges Phänomen der Gegenwartspolitik.
Je lauter Parteien verkünden, sie seien die wahre Mitte, desto diffuser wird dieser Ort. Er dehnt sich aus wie ein politischer Luftballon, bis irgendwann alles Mitte ist – und damit nichts mehr. und der Ballon zerplatzt wie eine scillernde Seifenblase.
Eigentlich ist es köstlich: Die Parteien kämpfen nicht mehr darum, wohin das Land gehen soll. Sie kämpfen darum, wer zuerst behaupten darf, schon angekommen zu sein.
Und während sie sich auf diesem imaginären Punkt drängen wie Reisebusse vor dem Colloseum im August, steht der Wähler am Rand der Kreuzung und denkt sich vermutlich:
Vielleicht wäre es ganz angenehm, wenn wenigstens eine Partei wieder eine eigene Straße hätte.