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Wir müssen reden. Aber bitte nicht mit euch.

Es war ein großer Moment der deutschen Demokratiegeschichte. Drei Parteien, die seit Jahren erklären, wie wichtig der offene Diskurs sei, verließen gemeinsam den offenen Diskurs. Nicht heimlich, nicht verschämt, nicht einfach durch Löschen der App in einem schwachen Moment nach der dritten Morddrohung und dem fünften Hundebild mit Reichsflagge. Nein, mit Ansage. Mit Haltung. Mit Erklärung. Mit Pressezitat.

Grüne, SPD und Linke packten ihre digitalen Jutebeutel, nahmen noch schnell die moralisch wertvollen Hashtags von der Wand und zogen aus bei X. Früher hieß das Twitter, aber seit Elon Musk dort die Fenster geöffnet hat, zieht es offenbar derart, dass empfindsame Parteivorstände davon Schnupfen bekommen. Der Abschied war selbstverständlich kein Rückzug. Rückzug klingt nach Niederlage. Es war ein Zeichen. Zeichen sind in der Politik sehr beliebt, weil sie nichts lösen müssen. Man setzt sie, fotografiert sie, veröffentlicht sie und ist anschließend erschöpft genug, um sich selbst für mutig zu halten. Der Grund für den Exodus war schnell erklärt: X sei kein guter Ort mehr. Zu viel Hass, zu viel Hetze, zu viele Menschen, die nicht rechtzeitig verstanden hatten, dass Demokratie vor allem dann gut funktioniert, wenn sie die richtige Tonlage trifft. Man wolle sich nicht länger in einem Raum aufhalten, in dem es laut, grob und unübersichtlich zugeht. Das ist verständlich. Wer Politik macht, möchte schließlich nicht dauernd mit Öffentlichkeit belästigt werden.

Also ging man zu Bluesky.

Bluesky klingt schon wie ein Ort, an dem niemand mehr brüllt, sondern höchstens achtsam interveniert. Es klingt nach digitalem Luftkurort, nach Gesprächskreis mit Glasfaseranschluss, nach einer Plattform, auf der die Server mit fair gehandeltem Windstrom laufen und jeder Beitrag vor dem Absenden fragt: „Bist du sicher, dass du damit niemanden enttäuschst?“ Dort, so die Hoffnung, sollte alles besser werden. Weniger Hass. Weniger Hetze. Mehr Austausch. Andere Bedingungen. Das ist der schöne Ausdruck dafür, wenn man nicht mehr mit allen reden möchte, sondern nur noch mit denen, die ungefähr wissen, wann man zu nicken hat.

Man stelle sich die Szene vor: Drei Parteivorstände kommen mit Kisten voller Haltung bei Bluesky an. In der ersten Kiste: Demokratie. In der zweiten: Respekt. In der dritten: ein kleiner Vorrat an Empörung für schlechte Tage. Die Tür öffnet sich, drinnen sitzen bereits Journalisten, Aktivisten, Kulturschaffende, Professoren, Referenten, ehemalige Twitter-Poweruser und Menschen, die „Diskurs“ sagen, wenn sie Streit meinen.

Alle atmen auf.

Endlich unter uns.

Endlich ein Ort, an dem man nicht mehr erklären muss, warum man recht hat. Endlich ein Ort, an dem Widerspruch nicht verschwindet, sondern gar nicht erst hereinkommt. Endlich eine Öffentlichkeit, die sich anfühlt wie eine WhatsApp-Gruppe, aus der der Schwager entfernt wurde.

Natürlich ist auch Bluesky nicht frei von Hass. Aber der Hass trägt dort andere Schuhe. Er kommt nicht mit Springerstiefeln, sondern mit Literaturhinweis. Er schreibt nicht „Hau ab“, sondern „Dein Beitrag reproduziert problematische Muster“. Er droht nicht mit Gewalt, sondern mit Entfolgen, Blockliste und einem Thread, der mit „Ich muss das jetzt einmal einordnen“ beginnt. Das ist ein Fortschritt. Jedenfalls ästhetisch. Auf X pöbelt der Mob. Auf Bluesky kuratiert er. Auf X heißt es: „Du Idiot.“ Auf Bluesky heißt es: „Es ist bezeichnend, dass du diesen Punkt nicht reflektierst.“ Beides meint dasselbe, aber das zweite klingt nach Seminarraum und riecht nach Mate.

Die große Pointe dieser Flucht liegt nicht darin, dass Parteien eine Plattform verlassen. Das dürfen sie. Jeder darf gehen. Auch Parteien. Sogar Parteien, die sonst der Meinung sind, dass man dahin gehen müsse, wo es weh tut. Die Pointe liegt darin, dass der Auszug als moralische Tat verkauft wird. Man geht nicht einfach, weil man keine Lust mehr hat. Man geht, weil man ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzt. Und zieht in eine andere Plattform, auf der dann Menschen sitzen, die ihrerseits mit großer Begeisterung hassen, nur eben die richtigen Leute.

Das ist der feine Unterschied.

Hass ist offenbar dann problematisch, wenn er von der falschen Seite kommt. Kommt er von der richtigen, nennt man ihn Einordnung, Gegenrede oder zivilgesellschaftliches Engagement. Früher träumte man vom herrschaftsfreien Diskurs. Heute vom störungsfreien. Das ist überhaupt der moderne Fortschritt: Die offene Gesellschaft soll offen bleiben, aber bitte mit Türsteher. Jeder darf mitreden, sofern er vorher bewiesen hat, dass er nicht stört. Demokratie ja, aber nicht zu nah. Vielfalt ja, aber ohne die unangenehmen Varianten. Streit ja, aber nur mit Menschen, die am Ende ungefähr dieselbe Pressemitteilung schreiben würden. Man muss den Parteien beinahe dankbar sein. Sie zeigen in seltener Klarheit, wohin sich ein Teil der politischen Öffentlichkeit entwickelt hat: weg vom Marktplatz, hin zum Milieu-Salon. Weg vom Risiko, hin zur Bestätigung. Weg von der Zumutung, hin zur gepflegten Selbstvergewisserung. Die neue Tapferkeit besteht darin, den Raum zu verlassen und draußen ein Schild aufzuhängen:

„Wir wären ja gerne geblieben, aber da waren Menschen.“

Natürlich ist X ein Problem. Wer das bestreitet, hat entweder starke Nerven, schlechte Augen oder ein berufliches Interesse an Empörung. Die Plattform ist laut, roh, oft widerwärtig. Sie ist ein Bahnhofsklo mit WLAN, auf dessen Wand jemand „Diskurs“ geschrieben hat. Aber genau deshalb ist sie eben auch ein Ort, an dem man sieht, was draußen los ist. Nicht schön. Nicht sauber. Nicht immer klug. Aber wirklich.

Bluesky dagegen ist die Lounge nach der Sicherheitskontrolle. Man sitzt bequemer, der Kaffee ist besser, das Publikum berechenbarer. Nur sollte man dann nicht behaupten, man sei noch am Hauptbahnhof.

Vielleicht ist das der ehrlichere Satz:

Wir verlassen X nicht, weil dort keine Öffentlichkeit mehr stattfindet.
Wir verlassen X, weil dort zu viel davon stattfindet.

Zu viel ungefilterte Öffentlichkeit. Zu viel Lärm. Zu viele falsche Leute mit zu vielen falschen Meinungen in zu kurzen Sätzen. Zu viele Menschen, die sich nicht an die Hausordnung halten, die niemand unterschrieben hat. Bluesky bietet Austausch zu anderen Bedingungen. Das stimmt. Die wichtigste Bedingung lautet: Man muss nicht mehr so oft erschrecken. Das ist angenehm. Aber es ist keine politische Strategie. Es ist digitale Wärmflasche. Und so sitzen sie nun dort, die Ausgewanderten der besseren Debatte. Sie folgen einander, bestätigen einander, warnen einander vor X, posten Screenshots von X und erklären einander, warum man X verlassen musste. Das ist wie aus einer Kneipe auszuziehen, weil dort zu viel geraucht wird, um anschließend im Nichtraucherbereich stündlich Fotos vom Aschenbecher herumzureichen.

Vielleicht wird Bluesky groß. Vielleicht wird es wichtig. Vielleicht wird es ein besserer Ort für Medien, Wissenschaft, Kultur und politische Selbstpflege. Das alles mag sein. Nur eines ist es nicht: die Rettung der demokratischen Debatte. Denn Debatte beginnt nicht dort, wo alle dieselbe Tür benutzen. Sie beginnt dort, wo jemand im Raum steht, den man lieber draußen hätte. Und genau deshalb ist der Umzug der drei Parteien weniger ein digitaler Neubeginn als ein sehr deutsches Missverständnis: Man hält Ordnung für Öffentlichkeit, Zustimmung für Austausch und die eigene Bubble für einen Beitrag zur Demokratie. Am Ende bleibt ein hübsches Bild: Draußen tobt der Marktplatz. Es wird geschrien, gelogen, übertrieben, provoziert, manchmal auch argumentiert. Drinnen im Bluesky-Salon sitzen die Ausgezogenen bei gedämpftem Licht und erklären einander, dass man jetzt endlich wieder reden könne.

Und irgendwo steht ein Schild an der Tür:

Offener Diskurs. Eintritt aber nur nach vorheriger Gesinnungsprüfung.

Auctor incertus Politik & Pils 31. Mai 2026

Deutschlands neues Lieblingsthema: die Regierungskrise

Wir berichten nicht mehr über Politik. Wir berichten über Nervenzusammenbrüche!

Man muss als Medium gelegentlich ehrlich zu sich selbst sein.
Auch wenn es wehtut.

Der politische Journalismus in Deutschland hat ein Problem.
Und wir gehören dazu.

Wir berichten längst nicht mehr hauptsächlich über Politik.
Wir berichten über:

  • Streit,
  • Stimmungen,
  • Krisengeräusche,
  • persönliche Spannungen,
  • verletzte Eitelkeiten,
  • und das tägliche Berliner Balzverhalten alarmierter Koalitionspartner.

Der Gegenstand des Streits interessiert oft nur noch am Rand. Hauptsache, jemand „giftet“, „attackiert“, „legt nach“ oder gilt „intern als schwer beschädigt“.

Berlin ist heute keine Hauptstadt mehr.
Berlin ist ein Dauerfeuer aus Hintergrundgesprächen mit Menschen, die „nicht namentlich genannt werden möchten“, aber erstaunlich oft exakt denselben Satz sagen.

Natürlich war Politik nie langweilig. Adenauer, Strauß, Brandt, Schmidt — die konnten sich ebenfalls gepflegt hassen. Der Unterschied:
Früher galt Streit als Begleiterscheinung der Politik. Heute IST er die Politikberichterstattung.

Denn seien wir ehrlich:
Ein komplizierter Gesetzesentwurf über Rentenfinanzierung klickt ungefähr so gut wie ein Volkshochschulabend über Dachisolierung bei Nieselregen.

Aber:
„Koalition vor Zerreißprobe!“
Das läuft.

Und damit beginnt das Problem.

Denn Medien funktionieren heute wie alle anderen digitalen Systeme auch:
Aufmerksamkeit ist Währung. Erregung bringt Reichweite. Krise produziert Traffic wie früher Sex und Dieter Bohlen.

Das gilt leider auch für Qualitätsmedien.

Wir alle kennen die Mechanik:

  • „Merz unter Druck“
  • „Stimmung kippt“
  • „Regierung streitet erneut“
  • „Eskalation im Kanzleramt“
  • „Ampel-Chaos“
  • „Koalitionshammer“

Und nach drei Wochen Dauerbeschallung wundert man sich dann über sinkendes Vertrauen in die Demokratie.

Vielleicht, weil wir Politik inzwischen behandeln wie eine Mischung aus Rosenkrieg, Pferderennen und Dschungelcamp mit Ministerien.

Die eigentliche Absurdität:
Viele Journalisten halten sich dabei für Verteidiger der Demokratie, erzählen das Land aber täglich so, als stehe der institutionelle Zusammenbruch unmittelbar bevor — spätestens nach der nächsten Talkshow.

Natürlich muss man Konflikte berichten. Demokratie ohne Streit wäre autoritäre Folklore.

Aber wir haben eine Grenze überschritten:
Wir erklären zu selten noch, worum es überhaupt geht.

Nehmen wir irgendeinen beliebigen Koalitionskrach. Die Berichterstattung lautet meist:

  • Wer ist beleidigt?
  • Wer verliert Macht?
  • Wer wirkt schwach?
  • Wer „sendet ein Signal“?
  • Wer „muss jetzt liefern“?

Die eigentliche Sachfrage verschwindet oft hinter psychologischer Geräuschkulisse wie ein verlorener Koffer am BER.

Und genau dort beginnt die politische Verwüstung.

Denn wenn Menschen über Monate oder Jahre fast nur noch hören, ihre Regierung sei:

  • zerstritten,
  • unfähig,
  • chaotisch,
  • schwach,
  • handlungsunfähig,

dann entsteht irgendwann zwangsläufig der Eindruck:
Demokratie funktioniert nicht mehr.

Radikale Parteien müssen dann gar nicht besonders gut sein. Es reicht völlig, wenn das etablierte System aussieht wie eine Selbsthilfegruppe mit Dienstwagen.

Und jetzt kommt der unangenehme Teil:
Vielleicht haben Medien dabei längst eine heimliche ökonomische Abhängigkeit von politischer Instabilität entwickelt.

Denn stabile Regierungen sind journalistisch unerquicklich.
Sacharbeit ist langweilig.
Verhandlungen dauern.
Kompromisse haben keine Pointe.

Aber Krise? Krise läuft immer.

Der moderne Hauptstadtjournalismus wirkt deshalb manchmal wie ein Feuerwehrmann, der beim Brand heimlich hofft, dass es noch einmal kurz aufflammt — wegen der Einschaltquote.

Ja, das ist böse.
Aber vermutlich nicht völlig falsch.

Und vielleicht ist das die eigentliche Medienkrise unserer Zeit:
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, Demokratie als Dauerdrama zu erzählen, dass wir vergessen haben, wie normale Regierungsarbeit überhaupt aussieht.

Denn die Wahrheit ist unerquicklich:Demokratie besteht meistens aus Sitzungen, Kompromissen, langweiligen Verhandlungen und mäßig charismatischen Menschen mit Aktenordnern, nicht aus „historischen Eskalationen“ im Viertelstundentakt.

Aber genau das verkauft sich leider schlechter.

Auctor incertus Politik & Pils 14. Mai 2026

Der letzte Klassenkämpfer Deutschlands sitzt im Aufsichtsrat

Früher war die Sache einfacher!
Da standen auf der einen Seite die Arbeiter mit ölverschmierten Händen, auf der anderen die Fabrikbesitzer mit Zigarre und Goldkette. Dazwischen: die SPD, die Gewerkschaften und sehr viel Pathos.

Heute sitzt der deutsche Klassenkämpfer in einer Talkshow, twittert vom Dienst-iPhone gegen „die Bosse“ und fliegt am nächsten Morgen business class zur Mitbestimmungskonferenz eines DAX-Konzerns.

Das ist keine Kritik.
Das ist einfach die deutsche Gegenwart.

Besonders rührend wirkt dabei die politische Folklore mancher Funktionäre. Da wird noch immer so gesprochen, als lauerten hinter jedem Werkstor Krupp-Barone mit Monokel und Kinderarbeitsträumen.

In Wahrheit versucht der durchschnittliche deutsche Unternehmer gerade herauszufinden:

  • wie er die Stromrechnung bezahlt,
  • woher er Fachkräfte bekommt,
  • warum seine Produktion nach Polen wandert,
  • und weshalb ihm gleichzeitig erklärt wird, er sei das Grundproblem der Gesellschaft.

Die moderne deutsche Linke führt inzwischen einen erbitterten Kampf gegen genau jene Wirtschaft, von deren Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Tarifabschlüssen ihr gesamtes Modell abhängt.

Das ist ungefähr so logisch wie ein Restaurantkritiker, der täglich die Küche beleidigt und sich wundert, warum irgendwann nichts mehr serviert wird.

Natürlich braucht es Kritik an Unternehmen. Immer.
Macht ohne Kontrolle wird arrogant. Das gilt für Konzerne genauso wie für Politik oder Medien.

Aber die deutsche Debatte hat inzwischen etwas leicht Neurotisches bekommen:
Die Wirtschaft soll gleichzeitig:

  • Arbeitsplätze schaffen,
  • klimaneutral werden,
  • höhere Löhne zahlen,
  • international konkurrenzfähig bleiben,
  • Sozialabgaben finanzieren,
  • diversitätssensibel kommunizieren,
  • nachhaltige Lieferketten aufbauen,
  • und dabei möglichst kein Geld verdienen, weil Gewinn moralisch schon verdächtig klingt.

Der Unternehmer von heute ist deshalb oft keine Karikatur des Kapitalismus mehr, sondern eher eine Mischung aus Buchhalter, Psychologe, Energiehändler und Krisenmanager mit leichtem Bluthochdruck.

Und trotzdem reden manche politische Funktionäre noch immer über „die Bosse“, als würden morgens im Sauerland Großindustrielle mit Zylinder auf Menschen schießen.

Das eigentlich Komische:
Deutschland wurde stark durch Zusammenarbeit. Nicht durch Dauerkrieg zwischen Arbeit und Kapital.

Die Sozialpartnerschaft war einmal ein ziemlich geniales Modell:
Unternehmer verdienen Geld.
Arbeiter verdienen mit.
Der Staat kassiert Steuern.
Alle schimpfen.
Aber das Land funktioniert.

Heute dagegen klingt manche Debatte, als wolle man den Ast moralisch absägen, auf dem man tarifvertraglich sitzt.

Besonders faszinierend ist dabei die deutsche Sehnsucht nach Feindbildern. Denn komplexe Probleme sind anstrengend:
Demografie,
Produktivität,
Digitalisierung,
Weltmärkte,
Energiepreise,
China,
Bürokratie,
Bildungskrise.

Viel einfacher ist:
„die Reichen“.

Das passt immer auf ein Plakat.

Die Tragik liegt nur darin, dass man Wohlstand nicht umverteilen kann, wenn vorher keiner mehr entsteht.

Vielleicht ist das das heimliche deutsche Missverständnis unserer Zeit:
Man behandelt die Wirtschaft wie einen Gegner — und wundert sich gleichzeitig, warum plötzlich niemand mehr die Rechnung bezahlen möchte.

Oder, um es ganz sozialpartnerschaftlich zu formulieren:

Der Kapitalismus ist in Deutschland inzwischen wie ein unbeliebter Onkel:
Alle reden schlecht über ihn.
Aber Weihnachten soll er trotzdem zahlen.

Auctor incertus Politik & Pils 30. April 2026

Die Brandmauer – ein politisches Bauwerk mit sehr empfindlichem Alarm

Ein Wort hat in der deutschen Politik Karriere gemacht wie kaum ein anderes aus der Bauphysik: Brandmauer.

Im Bauwesen ist das eine ziemlich nüchterne Angelegenheit. Eine massive Wand aus Beton oder Ziegeln, die verhindern soll, dass ein Feuer von einem Gebäude auf das nächste übergreift. Keine Metapher, keine Moral – nur Statik.

In der Politik dagegen ist daraus ein moralisches Hochsicherheitsbauwerk geworden. Gemeint ist die strikte Abgrenzung gegenüber der Alternative für Deutschland. Keine Koalitionen, keine Zusammenarbeit, keine gemeinsamen Mehrheiten. Für die SPD und Bündnis 90/Die Grünen ist diese Konstruktion vergleichsweise komfortabel. Sie stehen politisch ohnehin weit entfernt von der AfD; die Mauer verläuft bei ihnen gewissermaßen an der Grundstücksgrenze.

Für die CDU und die CSU ist die Sache komplizierter: Denn dort steht die Wand mitten im politischen Gebäude.

Die Union hat zwei Aufgaben gleichzeitig: Sie muss diese Mauer verteidigen – und zugleich regierungsfähig bleiben. In Regionen, in denen die Alternative für Deutschland hohe Ergebnisse erzielt, wird das schnell zu einer Art parlamentarischer Geometrieaufgabe.

Und gelegentlich passiert dann etwas, das in Berlin ungefähr so wirkt wie ein Rauchmelder im Bundestag.

Ein Beispiel lieferte der heutige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz. In einer Abstimmung kam es dazu, dass ein Antrag der Union mit Stimmen der Alternative für Deutschland eine Mehrheit bekam. Formal keine Koalition, kein gemeinsamer Antrag – aber eben eine Mehrheit mit denselben Stimmen.Die Reaktion in Berlin fiel aus, als habe jemand versucht, den Reichstag mit einem Flammenwerfer zu renovieren. Der damalige SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sprach von einem Tabubruch. Die Brandmauer sei beschädigt, warnte er. Die politische Empörung lief binnen Stunden auf Hochtouren. Und die deutsche Medienlandschaft tat, was sie in solchen Momenten besonders gern tut: Sie schaltete auf Daueralarm. Talkshows diskutierten über die Stabilität der Demokratie. Leitartikel sprachen von einem gefährlichen Dammbruch. Kommentatoren vermessen seitdem jede parlamentarische Abstimmung mit einem moralischen Seismographen.

Das Bemerkenswerte an der Geschichte ist allerdings etwas anderes.

In parlamentarischen Systemen stimmt man regelmäßig über Sachfragen ab. Mehrheiten entstehen dabei aus Stimmen – nicht aus moralischen Absichtserklärungen. Wenn zwei Parteien zufällig dasselbe abstimmen, entsteht rechnerisch eine Mehrheit. Das ist Mathematik, kein Bündnis.

Doch die Brandmauer funktioniert inzwischen weniger wie eine Wand als wie eine Alarmanlage. Schon die Möglichkeit, dass irgendwo Stimmen gleichzeitig gezählt werden könnten, reicht aus, um politische Sirenen auszulösen.

So steht die Union heute vor einer paradoxen Aufgabe:
Sie soll beweisen, dass diese Mauer absolut und unüberwindbar ist – und gleichzeitig Politik machen in Parlamenten, in denen eine Partei existiert, die man zwar ignorieren will, deren Stimmen aber arithmetisch dennoch im Raum stehen.

Architektonisch betrachtet ist das eine anspruchsvolle Konstruktion.

Eine Brandmauer, die gleichzeitig unüberwindbar sein soll – und doch mitten im Gebäude steht.

Auctor incertus Politik & Pils 14. März 2026

Energiepolitik – Deutschland und der moralische Stromkreis

Man muss Deutschland zugutehalten: Kein anderes Industrieland schafft es mit solcher Hingabe, Realität durch Debatte zu ersetzen.

Während in anderen Teilen der Welt Kraftwerke gebaut werden, diskutieren wir über Narrative. Während anderswo Ingenieure rechnen, rechnen wir mit moralischen Punkten.

Und irgendwo zwischen Talkshow und Parteitag taucht dann zuverlässig die grün-moralin-saure Brille auf – ein optisches Hilfsmittel, durch das sich physikalische Realität erstaunlich elegant ausblenden lässt.

Denn Energie hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie folgt Naturgesetzen.

Nicht Parteiprogrammen.
Nicht Hashtags.
Nicht moralischen Erklärungen.

Der Nahe Osten zeigt gerade einmal mehr, was Strategen seit Jahrzehnten wissen:

  • Energie ist Macht.
  • Wer Energie kontrolliert, kontrolliert Industrie.
  • Wer Industrie kontrolliert, kontrolliert Wohlstand.

Das ist keine Ideologie.
Das ist Geopolitik.

Währenddessen bauen andere Länder längst an der Zukunft.

  • Die Vereinigte Staaten investieren massiv in neue Energieinfrastruktur.
  • China errichtet Kernkraftwerke im industriellen Maßstab.
  • Russland exportiert Reaktortechnologie rund um den Globus.

Und Deutschland?

Diskutiert weiter über seine Energiepolitik – gern durch die bekannte grün-moralin-saure Brille.

Das Problem: Physik reagiert erstaunlich gleichgültig auf Ideologie.

Unsere Industrie – Chemie, Stahl, Maschinenbau – braucht vor allem eines: verlässliche Energie. Gleichzeitig elektrifizieren wir gerade alles: Rechenzentren, KI, Mobilität.

Der Bedarf steigt. Die gesicherte Energie sinkt.

Das ist keine politische These, sondern einfache Arithmetik.

Technologien wie SMR (Small Modular Reactors) könnten genau das liefern: stabile, planbare Energie. Ironischerweise hätte Deutschland mit Firmen wie Siemens, Bosch oder Siemens Energy eigentlich beste Voraussetzungen, hier mitzuspielen. Stattdessen führen wir Grundsatzdebatten.

Das Problem ist nicht, dass Deutschland diskutiert. Das Problem ist, dass andere währenddessen bauen. Und irgendwann könnte sich herausstellen, dass industrielle Wertschöpfung eine unangenehme Eigenschaft hat: Sie wandert dorthin, wo Energie sicher, verfügbar und bezahlbar ist.

Dann bleibt uns eine perfekte Debatte – nur leider ohne Industrie.

Auctor incertus Politik & Pils 13. März 2026
  1. Die Mitte – ein politischer Unfallort
  2. Die Empörungsmaschine – oder: Wie aus einem Satz ein Skandal wird
  3. Die Berliner Blase – Hochdruckgebiet ohne Außenluft
  4. Der nüchterne Staat und seine betrunkenen Bürger

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