Früher war die Sache einfacher!
Da standen auf der einen Seite die Arbeiter mit ölverschmierten Händen, auf der anderen die Fabrikbesitzer mit Zigarre und Goldkette. Dazwischen: die SPD, die Gewerkschaften und sehr viel Pathos.
Heute sitzt der deutsche Klassenkämpfer in einer Talkshow, twittert vom Dienst-iPhone gegen „die Bosse“ und fliegt am nächsten Morgen business class zur Mitbestimmungskonferenz eines DAX-Konzerns.
Das ist keine Kritik.
Das ist einfach die deutsche Gegenwart.
Besonders rührend wirkt dabei die politische Folklore mancher Funktionäre. Da wird noch immer so gesprochen, als lauerten hinter jedem Werkstor Krupp-Barone mit Monokel und Kinderarbeitsträumen.
In Wahrheit versucht der durchschnittliche deutsche Unternehmer gerade herauszufinden:
- wie er die Stromrechnung bezahlt,
- woher er Fachkräfte bekommt,
- warum seine Produktion nach Polen wandert,
- und weshalb ihm gleichzeitig erklärt wird, er sei das Grundproblem der Gesellschaft.
Die moderne deutsche Linke führt inzwischen einen erbitterten Kampf gegen genau jene Wirtschaft, von deren Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Tarifabschlüssen ihr gesamtes Modell abhängt.
Das ist ungefähr so logisch wie ein Restaurantkritiker, der täglich die Küche beleidigt und sich wundert, warum irgendwann nichts mehr serviert wird.
Natürlich braucht es Kritik an Unternehmen. Immer.
Macht ohne Kontrolle wird arrogant. Das gilt für Konzerne genauso wie für Politik oder Medien.
Aber die deutsche Debatte hat inzwischen etwas leicht Neurotisches bekommen:
Die Wirtschaft soll gleichzeitig:
- Arbeitsplätze schaffen,
- klimaneutral werden,
- höhere Löhne zahlen,
- international konkurrenzfähig bleiben,
- Sozialabgaben finanzieren,
- diversitätssensibel kommunizieren,
- nachhaltige Lieferketten aufbauen,
- und dabei möglichst kein Geld verdienen, weil Gewinn moralisch schon verdächtig klingt.
Der Unternehmer von heute ist deshalb oft keine Karikatur des Kapitalismus mehr, sondern eher eine Mischung aus Buchhalter, Psychologe, Energiehändler und Krisenmanager mit leichtem Bluthochdruck.
Und trotzdem reden manche politische Funktionäre noch immer über „die Bosse“, als würden morgens im Sauerland Großindustrielle mit Zylinder auf Menschen schießen.
Das eigentlich Komische:
Deutschland wurde stark durch Zusammenarbeit. Nicht durch Dauerkrieg zwischen Arbeit und Kapital.
Die Sozialpartnerschaft war einmal ein ziemlich geniales Modell:
Unternehmer verdienen Geld.
Arbeiter verdienen mit.
Der Staat kassiert Steuern.
Alle schimpfen.
Aber das Land funktioniert.
Heute dagegen klingt manche Debatte, als wolle man den Ast moralisch absägen, auf dem man tarifvertraglich sitzt.
Besonders faszinierend ist dabei die deutsche Sehnsucht nach Feindbildern. Denn komplexe Probleme sind anstrengend:
Demografie,
Produktivität,
Digitalisierung,
Weltmärkte,
Energiepreise,
China,
Bürokratie,
Bildungskrise.
Viel einfacher ist:
„die Reichen“.
Das passt immer auf ein Plakat.
Die Tragik liegt nur darin, dass man Wohlstand nicht umverteilen kann, wenn vorher keiner mehr entsteht.
Vielleicht ist das das heimliche deutsche Missverständnis unserer Zeit:
Man behandelt die Wirtschaft wie einen Gegner — und wundert sich gleichzeitig, warum plötzlich niemand mehr die Rechnung bezahlen möchte.
Oder, um es ganz sozialpartnerschaftlich zu formulieren:
Der Kapitalismus ist in Deutschland inzwischen wie ein unbeliebter Onkel:
Alle reden schlecht über ihn.
Aber Weihnachten soll er trotzdem zahlen.