Wir berichten nicht mehr über Politik. Wir berichten über Nervenzusammenbrüche!
Man muss als Medium gelegentlich ehrlich zu sich selbst sein.
Auch wenn es wehtut.
Der politische Journalismus in Deutschland hat ein Problem.
Und wir gehören dazu.
Wir berichten längst nicht mehr hauptsächlich über Politik.
Wir berichten über:
- Streit,
- Stimmungen,
- Krisengeräusche,
- persönliche Spannungen,
- verletzte Eitelkeiten,
- und das tägliche Berliner Balzverhalten alarmierter Koalitionspartner.
Der Gegenstand des Streits interessiert oft nur noch am Rand. Hauptsache, jemand „giftet“, „attackiert“, „legt nach“ oder gilt „intern als schwer beschädigt“.
Berlin ist heute keine Hauptstadt mehr.
Berlin ist ein Dauerfeuer aus Hintergrundgesprächen mit Menschen, die „nicht namentlich genannt werden möchten“, aber erstaunlich oft exakt denselben Satz sagen.
Natürlich war Politik nie langweilig. Adenauer, Strauß, Brandt, Schmidt — die konnten sich ebenfalls gepflegt hassen. Der Unterschied:
Früher galt Streit als Begleiterscheinung der Politik. Heute IST er die Politikberichterstattung.
Denn seien wir ehrlich:
Ein komplizierter Gesetzesentwurf über Rentenfinanzierung klickt ungefähr so gut wie ein Volkshochschulabend über Dachisolierung bei Nieselregen.
Aber:
„Koalition vor Zerreißprobe!“
Das läuft.
Und damit beginnt das Problem.
Denn Medien funktionieren heute wie alle anderen digitalen Systeme auch:
Aufmerksamkeit ist Währung. Erregung bringt Reichweite. Krise produziert Traffic wie früher Sex und Dieter Bohlen.
Das gilt leider auch für Qualitätsmedien.
Wir alle kennen die Mechanik:
- „Merz unter Druck“
- „Stimmung kippt“
- „Regierung streitet erneut“
- „Eskalation im Kanzleramt“
- „Ampel-Chaos“
- „Koalitionshammer“
Und nach drei Wochen Dauerbeschallung wundert man sich dann über sinkendes Vertrauen in die Demokratie.
Vielleicht, weil wir Politik inzwischen behandeln wie eine Mischung aus Rosenkrieg, Pferderennen und Dschungelcamp mit Ministerien.
Die eigentliche Absurdität:
Viele Journalisten halten sich dabei für Verteidiger der Demokratie, erzählen das Land aber täglich so, als stehe der institutionelle Zusammenbruch unmittelbar bevor — spätestens nach der nächsten Talkshow.
Natürlich muss man Konflikte berichten. Demokratie ohne Streit wäre autoritäre Folklore.
Aber wir haben eine Grenze überschritten:
Wir erklären zu selten noch, worum es überhaupt geht.
Nehmen wir irgendeinen beliebigen Koalitionskrach. Die Berichterstattung lautet meist:
- Wer ist beleidigt?
- Wer verliert Macht?
- Wer wirkt schwach?
- Wer „sendet ein Signal“?
- Wer „muss jetzt liefern“?
Die eigentliche Sachfrage verschwindet oft hinter psychologischer Geräuschkulisse wie ein verlorener Koffer am BER.
Und genau dort beginnt die politische Verwüstung.
Denn wenn Menschen über Monate oder Jahre fast nur noch hören, ihre Regierung sei:
- zerstritten,
- unfähig,
- chaotisch,
- schwach,
- handlungsunfähig,
dann entsteht irgendwann zwangsläufig der Eindruck:
Demokratie funktioniert nicht mehr.
Radikale Parteien müssen dann gar nicht besonders gut sein. Es reicht völlig, wenn das etablierte System aussieht wie eine Selbsthilfegruppe mit Dienstwagen.
Und jetzt kommt der unangenehme Teil:
Vielleicht haben Medien dabei längst eine heimliche ökonomische Abhängigkeit von politischer Instabilität entwickelt.
Denn stabile Regierungen sind journalistisch unerquicklich.
Sacharbeit ist langweilig.
Verhandlungen dauern.
Kompromisse haben keine Pointe.
Aber Krise? Krise läuft immer.
Der moderne Hauptstadtjournalismus wirkt deshalb manchmal wie ein Feuerwehrmann, der beim Brand heimlich hofft, dass es noch einmal kurz aufflammt — wegen der Einschaltquote.
Ja, das ist böse.
Aber vermutlich nicht völlig falsch.
Und vielleicht ist das die eigentliche Medienkrise unserer Zeit:
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, Demokratie als Dauerdrama zu erzählen, dass wir vergessen haben, wie normale Regierungsarbeit überhaupt aussieht.
Denn die Wahrheit ist unerquicklich:Demokratie besteht meistens aus Sitzungen, Kompromissen, langweiligen Verhandlungen und mäßig charismatischen Menschen mit Aktenordnern, nicht aus „historischen Eskalationen“ im Viertelstundentakt.
Aber genau das verkauft sich leider schlechter.